Il Matrimonio Segreto
Die heimliche Ehe

 

von Domenico Cimarosa
Libretto Giovanni Bertati
nach der literarischen Vorlage von The Clandestine Marriage (1766) von David Garrick und George Colman dem Älteren

ML: Attilio Cremonesi
R: Adriana Altaras
B: Matthias Müller
K: Jessica Karge
D: Carola Gerbert,

Geronimo: Marc-Olivier Oetterli
Elisabetta:
Anna Maria Zarra
Carolina: Theodora Raftis
Fidalma: Rosa Bove
Graf Robinson: Christian Senn
Paolino: Manuel Amati

Koproduktion
KAMMERAKADEMIE POTSDAM /
HANS-OTTO-THEATER POTSDAM

Foto: © Stefan Gloede

 

Komische Oper in zwei Akten von Domenico Cimarosa

mit einem Libretto von Giovanni Bertati in italienischer Sprache
mit deutschen Übertiteln

Der Kaufmann Geronimo wünscht sich zu seinem Lebensglück einen Adelstitel. Dafür hat ihm sein Gehilfe Paolino den Grafen Robinson vermittelt, der bereit ist, für 100.000 Scudi Geronimos älteste Tochter Elisetta zu heiraten. Bei der Brautschau verliebt sich der Graf jedoch in Carolina, deren jüngere Schwester. Carolina weist ihn zurück, aber ihr Vater wird mit dem Grafen handelseinig und überlässt ihm die Jüngere für die Hälfte der Summe. Carolina verweigert die Heirat, aber als sich auch noch ihre Tante Paolino zum Gatten wählen will, hilft nur noch ein Fluchtplan. Denn niemand weiß, dass Carolina und Paolino eine heimliche Ehe führen. Cimarosa gilt als Meister der Opera buffa und Wegbereiter Rossinis. Sein Ruhm in Neapel führte zur Anstellung als Hofkapellmeister in Sankt Petersburg und später in Wien, wo 1792 seine bis heute meistgespielte Oper „Il matrimonio segreto“ uraufgeführt wurde.

 

 

Link zur Audiodatei:
RBB Sendebeitrag

Kritiker Kai Luehrs-Kaiser zur Aufführung
im Schlosstheater | Neues Palais

Potsdamer Winteroper

Sternstunde in der Novembernacht

Tolles Stück, spektakuläre Inszenierung: Die Potsdamer Winteroper feiert mit Cimarosas „Il matrimonio segreto“ im Schlosstheater einen Triumph.

Udo Badelt | Tagesspiegel
12.11.2022, 17:58 Uhr

In der Astronomie würde man das, was sich am Freitagabend im Schlosstheater von Sanssouci ereignet hat, eine Konstellation nennen: ein seltenes Zusammentreffen mehrerer Himmelskörper am Firmament. Vier Sterne leuchten hell bei der diesjährigen Premiere der Potsdamer Winteroper. Der erste ist das Stück selbst. Kennern und Liebhabern sagt der Name Domenico Cimarosa wohl etwas, die meisten jedoch dürften nie von ihm gehört haben – obwohl er rund 80 Buffas komponiert hat.

Eine einzige davon wird regelmäßig inszeniert, konstant seit ihrer Uraufführung im Februar 1792 im Wiener Burgtheater, und das völlig zurecht: „Il matrimonio segreto“ („Die heimliche Ehe“) ist sowohl musikalisch als auch librettistisch ein kleines Wunderwerk, auch Goethe erwähnt es in der „Italienischen Reise“.

 

Archäopteryx der Operngeschichte

Man meint sofort, Rossini stünde vor der Tür bei den langen, sich sukzessive beschleunigenden Bögen der Ouvertüre. Cimarosa gilt als Archäopteryx der Operngeschichte, als Bindeglied zwischen Mozart – der nur zwei Monate vor der Uraufführung gestorben war – und den italienischen Komponisten des Belcanto. Dirigent Attilio Cremonesi, der mit der Kammerakademie Potsdam den zweiten Stern bildet, serviert das dem Potsdamer Publikum auf dem Silbertablett.

Der ehemalige Assistent von René Jacobs leitet das Geschehen quicklebendig und fröhlich, juvenil in der Gestik und mit einer spürbaren Freude und Lust, die sich ins Publikum fortpflanzt. So hält er den Erregungspegel hoch und bildet zugleich durch ausgewogene Tempi eine verlässliche Basis für die Sängerinnen und Sänger.

Auf dem Papier liest sich die Handlung so, als hätten wir es mit einer weiteren barocken Liebes- und Verwechslungskomödie zu tun, die sich irgendwann in Wohlgefallen auflöst. Das ist auch so, und doch ist „Il matrimonio segreto“ anders. Der Humor ist diesem Werk (das Librettist Giovanni Bertati aus einem älteren englischen Stück von George Colman und David Garrick destilliert hat) tief eingesenkt, nicht aufgesetzt oder behauptet wie bei Verdis 100 Jahre später entstandenem „Falstaff“, bei dem die Witze so rasant vorüberfliegen, dass sie über die Köpfe von Nicht-Muttersprachlern einfach hinwegziehen und vor allem Unverständnis zurücklassen.

Cimarosa geht langsamer vor, arbeitet viel mit Wiederholungen, was dem Ganzen eine fast becketthaft anmutende Modernität verleiht. Wozu auch der teilweise großartige Text beiträgt: „Solange Sie leben, werden Sie sie heiraten“, schreit der reiche Kaufmann Geronimo dem Grafen Robinson entgegen.
Was ist passiert? Geronimo möchte unbedingt einen Adelstitel, also verkauft er seine ältere Tochter Elisetta an den Grafen. Dumm nur, dass dieser bei seinem ersten Besuch die jüngere, Carolina, viel anziehender findet. Und noch viel dümmer, dass diese bereits – heimlich – verheiratet ist mit Paolino, dem Gehilfen. Auf den wiederum Geronimos Schwester Fidalma abfährt, die Tante der beiden Töchter. Alles klar?

Regisseurin Adriana Altaras, der dritte Stern, haucht diesem Konstrukt pralles Leben ein, inszeniert das spektakulär gut. Ihre Arbeit ist von einer tiefen Liebe zu den Figuren getragen, jeder schenkt sie Zuwendung, Aufmerksamkeit und ein eigenes Profil, kein Augenblick bleibt uninszeniert, ständig passiert etwas. Es sind die Details, die diesen Abend so liebenswert machen.

Nur ein Beispiel: Die Bühne (Matthias Müller spiegelt quasi das Schlosstheater, bricht den barocken Zauber aber mit charmanten Anleihen an die 50er Jahre, bei den Lampen oder mit einer Kaffeemaschine) wird ständig zum Dancefloor. Altaras kitzelt die eminent rhythmischen Qualitäten dieser 250 Jahre alten Musik heraus, was Tante Fidalma, die Paolino zuvor explosionsartig ihre Brüste präsentiert hat, mit einem gehörigen Hexenschuss bezahlen muss – ein Augenblick nur, er zieht vorüber. Doch davon gibt es Hunderte.

Der Graf will die vereinbarte Braut nicht. Kann es einen peinlicheren, unerträglicheren Moment geben? Cimarosa greift an diesem Scheitelpunkt zu einem Stilmittel, das in der Oper besonders gut Wirkung entfaltet: Das Geschehen wird stillgestellt, quasi eingefroren, in einem Quartett singen alle Beteiligten, was ihnen gerade in den Kopf schießt. In der Realität würde das simultan und innerhalb von Millisekunden passieren, die Oper kann es breit auswalzen, ohne dass es unnatürlich wirken würde.
Dann reißt der Graf plötzlich eine der Statuen von der Wand, Elisetta schleckt einen Lolli, Fidalma dreht wirr an ihren Spaghetti, die an diesem Abend ein wiederkehrendes Requisit sind: auf den ersten Blick unverständliche Aktionen, die nichts anderes sind als Übersprunghandlungen, um einer unerträglichen Situation wenigstens geistig zu entfliehen. Mit ihrer psychologischen Inszenierung eines sowieso schon psychologisch starken Stücks erinnert Altaras quasi nebenbei auch daran, dass Spaghetti ein unterschätztes, hochinteressantes Symbol sind: für Sexualität natürlich, wie alle Nudeln, für Genuss und Lust, aber auch für Verwirrung und Verknotung. Beim vierten Stern, den Sängerinnen und Sängern, fast alle Italiener oder in Italien lebend, möchte man kaum einen einzelnen, eine einzelne hervorheben. Alle leisten sie Außerordentliches, verschmelzen mit ihrer Figur, feuern Koloratursalven ab oder rühren an. Es sind vielschichtige Charaktere, so Anna Maria Sarra als ältere, verschmähte Schwester mit grandiosem Mienenspiel, die nicht akzeptieren kann, dass der Graf sie nicht liebt, und von „Betrug“ faselt – dass die beiden am Ende doch zusammenkommen, ist zwar erwartbar, aber dramaturgisch schlecht erklärt, die einzige Schwäche des Stücks.

Im Zentrum des Wirbelsturms steht die jüngere Schwester: Theodora Raftis versteht es auf einzigartige Weise, mit einer simplen Drehung der Pupillen eine ganze Geschichte zu erzählen, sie singt quasi mit den Augen. Marc-Olivier Oetterlis Vater Geronimo ist ein erratischer, kauziger, der wenig begreift und dessen Textzeilen sich meistens beschränken auf „Was soll das heißen“ oder „Was sagst du dazu?“ – aber als solcher, in seiner ganzen Unverständlichkeit, ebenfalls eine spannende Figur ist. Die Regisseurin stattet ihn mit riesigen Kopfhörern aus, was sein Nicht-von-dieser-Welt-Sein noch verstärkt.

Auch Rosa Bove als spätentflammte Fidalma, Christian Senn als Macho-Graf und Manuel Amati als chaplinesker Paolino liefern starke, eindringliche Rollenporträts. Sie alle tragen dazu bei, dass sich in der Potsdamer Novembernacht eine kleine Opernsternstunde ereignet. Und weil so etwas etwa so selten ist wie ein Komet, darf derjenige glücklich genannt werden, der seine Termine umschichten kann, um noch eine der Aufführungen im November zu besuchen.

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Cimarosa Opernwelt

 

Winteroper in Potsdam:
Die Kunst der Leichtigkeit

Nach den schweren Stoffen der vergangenen Jahre wartet die Potsdamer Winteroper jetzt mit einem Lustspiel auf. Das Publikum erwartet eine Opera buffa, die europaweit Furore machte.

Babette Kaiserkern | Tagesspiegel

28.10.2022, 14:27 Uhr

Beflügelte Putten turteln am Bühnenhimmel, von der Decke hängen Neonröhren, auf dem Fliesenboden stehen Caféhausstühle und sogar eine hochmoderne Espressomaschine. Die Kulisse der diesjährigen Potsdamer Winteroper, für die seit einigen Tagen im Schlosstheater am Neuen Palais geprobt wird, ist eine heitere Mischung aus Alt und Modern oder auch aus Traum und (Theater-)Realität. Sie zeigt den Weg an.

Nach all den schweren, biblischen und mythologischen Stoffen der vergangenen Jahre, die wohl auch dem Spielort in der Friedenskirche geschuldet waren, steht diesmal ein Lustspiel auf dem Programm. Mit Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“ bringt die Kammerakademie Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Hans Otto Theater eine veritable Opera buffa auf die Bühne, die einst europaweit Furore machte.

Trotz oder gerade wegen gewisser stilistischer Unterschiede wurde Cimarosa oft mit seinem Zeitgenossen Mozart verglichen. Doch anders als jener genoss Cimarosa in Wien die Gunst des kurzfristigen Herrschers Leopold II., der dieses Werk um eine heimliche Ehe und deren familiäre Auswirkungen sehr schätzte. Der Plot geht zurück bis auf die satirische Bildergeschichte „Mariage-à-la-mode“ des englischen Zeichners William Hogarth, doch Cimarosas Textdichter Giovanni Bertati schuf ein heiter-beschwingtes Verwirrspiel, das weder anklagt noch verklärt. Es gibt keine Helden und keine Verlierer, alle sechs Figuren tragen das Stück gleichermaßen.

 

Familie steht im Mittelpunkt

„Es ereignen sich keine weltbewegenden Dinge“, sagt Adriana Altaras im Gespräch mit den PNN. Dem Potsdamer Publikum ist Altaras mit einigen erfolgreichen Inszenierungen am Hans Otto Theater zwischen 2006 und 2008 bekanntgeworden. Inzwischen inszeniert die quicklebendige, umtriebige Schauspielerin und Regisseurin häufig Musiktheaterwerke im gesamten deutschsprachigen Raum.

Darüber hinaus brilliert Altaras als Autorin kurios-komischer, latent-tragischer autobiografischer Romane, unter anderem über ihre deutsch-jüdische Familie und deren weitverzweigte Wurzeln. Im Frühjahr erscheint ein neues Buch, das der schönen Tante Jelka aus Mantua gewidmet ist, bei der Altaras als kleines Mädchen nach der Flucht aus Kroatien zunächst aufwuchs.

Um das Thema Familie geht es auch beim Regiekonzept für das „Matrimonio segreto. „Für mich ereignet sich in diesem Stück eine Familienaufstellung“, sagt Adriana Altaras. Für sie ist das „Biotop Familie immer aktuell und das allerspannendste“. Gerade die vielen Ensembleszenen seien Highlights, denn sie findet es großartig, „wenn vier, fünf oder sechs Sänger gleichzeitig singen und dabei die Variationen beherrschen, die Steigerung, die Verständlichkeit.“

 

Libretti mit Augenzwinkern

An diesem Vormittag gibt es auch eine Kostprobe von Cimarosas farbiger Musik. Unter der Leitung von Attilio Cremonese proben vier SängerInnen bis ins Detail einige Takte aus dem Quartett „Sento in peddo un freddo gelo“. Nach einer Auseinandersetzung lässt ein besonderer Kunstgriff die Musik stehen bleiben. Sie friert quasi ein, setzt ein Zeichen für die Handlung und wirkt, als wenn nun alle Personen sich Zeit nehmen, ihren Gefühlen nachzuspüren und nachzudenken, wie es weitergehen kann.

Nur wenig später wird es laut und vital und „alle machen ganz verrückte, absurde Sachen, weil sie in ihrem Innern so aufgeregt sind“, erzählt Adriana Altaras. „Natürlich ist das Libretto voller Konventionen“, aber er habe das Gefühl, sagt Attilio Cremonesi, „dass die Textdichter diese Libretti immer mit einem Augenzwinkern geschrieben haben. Es war poetisch gemeint, aber man wusste, dass man es auch anders interpretieren könnte.“
Ein Werk, das gut ins Schlosstheater passt

Cremonesi, der italienische Pianist, Organist und Dirigent, hat sich einen Namen gemacht mit Entdeckungen unbekannter Werke und ist seit 2021 künstlerischer Leiter des Händelorchesters in Halle. Mit der Kammerakademie Potsdam arbeitete Cremonesi bereits mehrfach zusammen, zuletzt bei einem besonderen Mozart-Abend im Jahr 2020. Dass die Verständigung mit Adriana Altaras problemlos auf Italienisch klappt, verleiht der Inszenierungsarbeit zweifellos eine Prise Leichtigkeit.

Eigentlich sei es bei Komödien in Deutschland immer so, dass man denke, es wäre zu leicht, sagt Adriana Altaras, aber ein Unterhaltungstheaterstück wie das „Matrimonio segreto“ könne man genauso gut in die Gegenwart holen wie zum Beispiel eine Oper von Richard Wagner – nur werde da nicht gefragt, ob Wagner noch aktuell sei

Man müsse aber auch wissen, dass dieses Werk für Wien geschrieben wurde, wo die italienische Oper noch in hohem Ansehen stand. Wie kein zweiter Komponist dieser Zeit erfüllte Domenico Cimarosa die Wünsche des Publikums. Er hat ein leichtherziges, melodienseliges, humorvolles und unsentimentales Werk geschaffen, das nicht nur gut in das Schlosstheater Sanssouci hineinpasst, sondern sicherlich auch das Publikum von heute noch begeistern wird.