Rezension Wozzeck

Berg: Wozzeck, Oper Köln – Premiere am 20.05.2011 (besuchte Vorstellung am 22.05.)

Mit einem unter die Haut gehenden Wozzeck beendet die Kölner Oper die aktuelle Saison. Florian Boesch in der Titelrolle reißt den Zuschauer in den sprichwörtlichen Büchnerschen Abgrund namens Mensch – daß dieser Abgrund von Verkommenheit, Rohheit, Gemeinheit und Gewalt auf Armut beruht, darüber läßt Regisseur Ingo Kerkhof in dieser leicht expressionisctisch überspitzten, aber im wesentlichen realistischen Inszenierung keinen Zweifel aufkommen. Der Wiener Bariton hat die sängerischen Mittel, um die schwierige Rolle mit dem enormen Ambitus zu bewältigen; vor allem aber besitzt er eine darstellerische Präsenz, wie sie selten zu erleben ist! Die Regie läßt Wozzeck nicht ertrinken, sondern (zum letzten Orchesterzwischenspiel: Invention über die Tonart d-moll) einsam an der Leiche seiner geliebten Marie vor Schmerz und Entsetzen sterben – das könnte in peinlichem Schwulst enden: nicht aber bei diesem Darsteller, der das ohne falsches Pathos zu einer so intensiven Szene ausdehnt, daß man am liebsten schreiend davonlaufen möchte! Die anderen Darsteller stehen da naturgemäß etwas zurück, ohne daß auch nur einer aus dieser erstklassigen Ensembleleistung zurückzustellen wäre! Asmik Gregorian singt und spielt die Marie kaum weniger intensiv als ihr Partner; daß Bergs Sprechgesangsstellen bei ihr schon mal zum Überschnappen der Stimme führen, scheint mir beabsichtigt und paßt zum expressionistischen Gestus der Inszenierung und des Dirigates von Markus Stenz, der die klanglichen Finessen der Partitur (Mahler läßt hier überdeutlich grüßen!) über das Konstrukt stellt, so wie Alban Berg sich das gewünscht hat. Daß er dabei die Sänger gelegentlich an ihre Grenzen bringt, ist der kleine Wermutstropfen dieser Aufführung. Perfekte Abstimmung der verschiedenen Fern- und Bühnenorchester sowie des glänzend aufgelegten kleinen Chores, der teilweise von der Empore singt. Unter den übrigen Darstellern keiner, der beonders hervorzuheben wäre, weil sie alle so gut sind, daß sie genannt werden müssen: John Heuzenroeder als Narr und Sebastian Kellner als Maries Sohn, die beide über weite Teile der Inszenierung auf der Bühne sind und das Geschehen gestisch teilweise „von außen“ kommentieren, Alexander Fedin, der sich zu einem exzellenten Charaktertenor entwickelt hat und den Hauptmann als (nicht ganz so) arme Socke, nach oben buckelnd und nach unten tretend gibt; Martin Koch als Andres, ebenfalls ein wunderbarer Darsteller, Dennis Wilgenhof als fies-überheblicher Doktor; Gordon Gietz, der ein schon fast liebenswürdigen Tambourmajor ist, Andrea Andonia als eklige Nachbarin Margret, Sévag Serge Tachdjian und Ralf Rachbauer als brutal-versoffene Handwerksburschen.

Die sparsam gestaltete Bühne von Gisbert Jäkel ist komplett über das Orchester gebaut (die Metallpfeiler der gründerzeitlichen Industriehalle sind einbezogen) und kommt mit wenigen Requisiten (ein Schemel, eine Mülltone, ein Pferdeskelett) aus und läßt den Darstellern viel Raum. Hinzu kommt für die erste Wirtshausszene eine Art Häuschen, das von hinten aus dem Nichts langsam auf die Bühne geschoben wird (ein toller Effekt) und in dem sich ein ziemlich rohes Tanzvergnügen (bejohlter Gang-Bang inklusive) abspielt. Der Inszenierung dienliche Kostüme von Jessica Karge, die an Büchners Zeit angelehnt sind, aber kaum weniger gut auf die Entstehungszeit der Oper oder nach heute passen.

Gefühlt eine kleine Ewigkeit lang Stille nach dem letzten Ton vor dem zuerst zögerlichen, dann lang anhaltenden Applaus. Ein phantastischer Abschluß einer formidablen Saison in der Kölner Oper!

Quelle: capriccio-kulturforum.de